Digitalisierung im Krankenhaus Teil 1/2
Wie sparen wir Milliarden?

2019 wurde das analoge Kabelfernsehen abgeschaltet. Auch wenn häufig Hardware aufgerüstet werden musste, Millionen von Haushalten schauen seitdem ausschließlich digital – mit mehr Programmen in besserer Qualität.

Für das “digitale Krankenhaus” wird es keinen Stichtag geben. Doch die Digitalisierung macht auch vor medizinischen Dienstleistern nicht Halt. Und das ist gut so, denn gerade im Krankenhaus bietet sie enorme Chancen.

Digitalisierung im ursprünglichen Sinne bezeichnet schlicht die Umwandlung von analogen in digitale Datenformate. Seit ein paar Jahren hat der Begriff enorm an Bedeutung gewonnen. Digitalisierung wird heute in einem Atemzug mit Vernetzung, Standardisierung und Automatisierung genannt und zunehmend mit der Digitalen Transformation, der fortlaufenden, digital-bedingten Veränderung unserer Gesellschaft, gleichgesetzt.

In medizinischen Versorgungseinrichtungen stehen drei wesentliche Digitalisierungsthemen im Vordergrund:

  • Verfügbarmachung von Patientendaten in digitaler Form,

  • Unterstützung sämtlicher Leistungsprozesse über alle Bearbeitungsebenen durch elektronische Workflows,

  • Vernetzung, so dass alle benötigten Daten in der aktuellen Version, jederzeit, an jedem Ort für alle berechtigten Nutzer zur Verfügung stehen.

Deutsche Krankenhäuser hinken hinterher

Auch wenn die Bedeutung der Digitalisierung ständig wächst, in deutschen Krankenhäusern kommt dieser Trend nur langsam an. „Deutsche Kliniken noch überwiegend analog“, titelte Ärzte Zeitung online [1] und bezog sich auf den Krankenhaus-Report 2019 [2] des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Hiernach bleiben deutsche Krankenhäuser im internationalen Vergleich klar zurück. Sie erreichten 2017 auf einer Digitalisierungsskala von 0 bis 7 im Durchschnitt nur den Wert 2,3 (EU-Durchschnitt: 3,6). Alarmierend ist, dass mehr als ein Drittel (38 Prozent) der 167 befragten Krankenhäuser lediglich die Stufe 0 erlangten. Das heißt, hier wird kaum digital gearbeitet [2].

Keine Digitalisierung ohne Strategie

Auch laut einer McKinsey-Studie sind Reife und Qualität der Digitalisierung in deutschen Krankenhäusern unzureichend. Weniger als die Hälfte der Einrichtungen konnte eine Digitalisierungsstrategie vorweisen [3]. Doch das Bewusstsein, digitale Lösungen einzuführen, wächst. Während 2017 42 Prozent der medizinischen und sozialen Einrichtungen die Digitalisierung zu einem wichtigen Teil ihrer Geschäftsstrategie machten, waren es im Vorjahr magere 24 Prozent [4]. Die isolierte Betrachtung der Beschaffung sieht besser aus: 53 Prozent der Einkäufer haben eine Digitalisierungsstrategie [5]. Doch selbst wenn der Einkauf hier mit guten Beispiel voran geht, es bedarf einer krankenhausweiten Gesamtstrategie, die durch die Leitung unterstützt und vorangetrieben wird. 

Was blockiert die Digitalisierung im Gesundheitssystem?

Was in anderen Branchen längst Standard ist, entsteht im Gesundheitswesen gerade erst. So gehört die Automobil- und Automobilzuliefer-Industrie zu den Vorreitern bei der Digitalisierung der komplexen Supply Chain. Lagerkosten werden vermieden, indem Bauteile in der benötigten Stückzahl und zur gewünschten Zeit angeliefert werden. Das wünscht sich so manche Stationsschwester, deren Lagerschrank aus allen Nähten platzt, ohne dass der gesuchte Artikel dabei ist.

An fehlenden Technologien und dem erforderlichen Experten-/Lösungswissen mangelt es nicht, aber was hemmt die Digitalisierung im Krankenhaus? Eine Rolle spielen sicherlich die Komplexität eines Behandlungspfades, die vielen gesetzlichen Regularien als auch viele unterschiedlich agierende Akteure, die wiederum meist mit externen Dienstleistern zusammenarbeiten. Wenn jeder an seine eigenen Interessen denkt, dann können Optimierungspotenziale nicht oder nur sehr verzögert realisiert werden.

McKinsey identifizierten vier Hauptgründe, warum die Digitalisierung in deutschen Krankenhäusern nicht weiter fortgeschritten ist [3]:

  • unzureichende Finanzierungsmöglichkeiten,

  • erschwerte Integrierbarkeit und Kompatibilität vorhandener IT-Lösungen,

  • fehlende Standardisierung von Prozessen,

  • hohe Anforderungen an IT-Sicherheit und Datenschutz.

Einer unzureichenden Finanzierung können Fördermittel auf Landes- und Bundesebene zur Umsetzung von Digitalisierungsprojekten entgegen wirken. Zum Beispiel stellt der Freistaat Sachsen im Doppelhaushalt 2019/2020 neben der bereits bestehenden Projektförderung weitere 20 Millionen Euro für die Digitalisierung sächsischer Krankenhäuser zur Verfügung.

Ein weiteres Hemmnis ist, dass viele Krankenhäuser schlechte Erfahrungen in früheren Digitalisierungsprojekten gemacht haben. In der McKinsey-Studie gaben weniger als 20 Prozent an, dass in der Vergangenheit Digitalisierungsinitiativen im eigenen Haus erfolgreich und termingerecht umgesetzt wurden [3]. So ist für viele der Nutzen der Digitalisierung immer noch nicht klar zu erkennen.

Eine wesentliche Hürde bei Digitalisierungsprojekten ist die Kompatibilität und Integrierbarkeit externer IT-Services mit vorhandenen Systemen und Abläufen. Was nützt es, per Electronic Data Interchange (EDI) mit den Geschäftspartnern kommunizieren zu wollen, wenn das Krankenhausinformationssystem und das ERP-System des Lieferanten nicht miteinander „reden“ können? Die gemeinsame Sprache bilden hierbei Standards als Grundlage einer elektronischen Kommunikation. Damit beschäftigte sich unter anderem die Förderinitiative „Standard eCG“ des BMWi. Ein wertvolles und auf alle Beschaffungs-/ und Behandlungsprozesse übertragbares Ergebnis des Projektes unterstreicht die Bedeutung korrekter Produktstammdaten. Fehlerhafte Produktstammdaten führen dazu, dass eStandards im Gesundheitswesen nicht oder fehlerhaft zum Einsatz gebracht werden können. Somit sind belastbare Stammdaten die wichtigste Voraussetzung für das Gelingen von Digitalisierungsprojekten entlang eines Patientenbehandlungspfades. 

Was wird von der Digitalisierung der Krankenhäuser erwartet? 

Die größten Auswirkungen digitaler Lösungen erwarten Krankenhäuser in folgenden Bereichen: 1. Steigerung der Prozesseffizienz, 2. Verbesserung der Behandlungsqualität und 3. Verringerung des Dokumentationsaufwands [3]. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht kommt die Möglichkeit hinzu, Kosten erheblich zu reduzieren [2]. 

Aber auch Patienten haben Erwartungen an die Digitalisierung von Krankenhäusern. Das sind in erster Linie die Fehlervermeidung, die Diagnoseunterstützung und die Verbesserung der internen Organisation im Krankenhaus. Alle drei Faktoren können von den medizinischen Einrichtungen weitgehend eigenständig voran gebracht werden [6].

Das Bewusstsein, dass die Digitalisierung wesentliche positive Effekte auf unsere Krankenhäuser haben wird, ist im Gesundheitswesen und bei den Patienten angekommen. Spätestens mit der Einführung der Elektronischen Patientenakte (ePA), die den Patienten ab Januar 2021 von Krankenkassen angeboten werden muss, geht es im Gesundheitssystem nicht mehr ohne digitale Prozesse. Die ePA speichert zentral Befunde, Diagnosen, Therapien, Behandlungsberichte, Impfungen sowie Informationen zu verabreichten Medizinprodukten und ermöglicht, nach Einwilligung des Patienten, den schnellen und korrekten Austausch zwischen Hausarzt und Krankenhaus oder verschiedenen Abteilungen eines Behandlungspfades. So werden beispielsweise Doppeluntersuchungen oder falsche Medikationen aufgrund fehlender Informationen, zum Beispiel zu Allergien, vermieden.

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Der zweite Teil dieses Artikels erscheint am 14.05.2020 im Supedio-Blog.

Dann wird es um Chancen für Mitarbeiter, den wirtschaftlichen Nutzen und die digitale Supply Chain als Vorreiter der Krankenhausdigitalisierung gehen.


Quellen

[1] Ärzte Zeitung online: Deutsche Kliniken noch überwiegend analog; unter https://www.aerztezeitung.de/Wirtschaft/Deutsche-Kliniken-noch-ueberwiegend-analog-254066.html; abgerufen: 19.11.2019

[2] Klauber J. et al. (Hrsg.), Springer-Verlag GmbH: Krankenhaus-Report 2019; 2019

[3] McKinsey & Company: Digitalisierung in deutschen Krankenhäusern; 2018

[4] techconsult im Auftrag der Deutschen Telekom: Digitalisierungsindex Mittelstand: Der digitale Status Quo im Gesundheits- und Sozialwesen; 2017

[5] Krojer S.: Zukunft Krankenhaus-Einkauf 2025; 2017

[6] Dillmann R., BearingPoint Partner: Digitale Patientenerwartung und ‐information im Krankenhaus; 2016

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